Ein Märchen aus uralten Zeiten oder kommt Ihnen die Geschichte irgendwie bekannt vor?
In einer der letzten Neuen Züricher Zeitungen war im Rahmen der Doping-Eclats der folgende Text zu lesen. Ich zitiere diesen hier nicht, um über Doping zu sprechen, sondern er in spirierte mich dazu, über das Problem der Leistungsgrenze eines Menschen nachzudenken.
Bringt Doping bei austrainierten Sportlern nur deshalb einen so großen Leistungszuwachs bringt, weil wir unter normalen Umständen Sicherungen eingebaut haben, die es uns nicht möglich machen, über eine bestimmte individuelle Grenze hinaus bessere Leistungen zu bringen.
Zwischen 1952 und 1954 wurde in der Universität Freiburg bei Herbet Reindell von dem späteren Radiologen Oskar Wegener eine lange nicht auffindbare Doktorarbeit, die sich mit der »Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung« beschäftigte.
Der Kölner Journalist Eric Eggers hat den Vorgang im vergangenen Jahr publik gemacht. Oskar Wegener als Läufer selbst beim Duo Gerschler*/Reindell aktiv, untersuchte den Effekt von stimulierenden Mitteln. Besonders das Pervitin, das deutsche Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg erhalten hatten, versprach bedeutende Leistungsfortschritte.
Bis 23,5% wurden bei austrainierten Athleten gemessen, »weil sich in den Beinen ein Gefühl der Erleichterung ausbreitete, die die höhere Leistung ohne größere Willensanstrengung ermöglichte«. Wegener, so schreibt Eggers, habe bestätigt, dass auch der Luxemburger Barthel** 1947 gedopt worden sei. Barthel war im Jahr zuvor noch 41. der Weltrangliste gewesen. Im Olympiafinal von Helsinki dann überspurtete der Aussenseiter selbst den deutschen Favoriten Werner Lueg, der wenige Wochen zuvor noch einen Weltrekord erzielt hatte.
Pervitin galt seit seiner Entwicklung 1938 als »Wunderdroge«.
Spricht man nicht auch von EPO in den selben höchsten Tönen? Professor Andreas Schmid und Lothar Heinrich, beide Freiburger Sportmediziner, verabreichten der deutschen Radequippe Team Telekom seit Mitte der 1990er Jahre EPO. Die Ärzte habe übrigens mitterweile gestanden.
Aber darum geht es mir gar nicht.
Mich interessiert vielmehr die Frage, wieviel sich aus einem sogenannten austrainierten Körper noch herausholen lässt. Einiges offensichtlich, wie das Beispiel Pervitin zeigt. Doch je mehr wir die im Körper eingebauten Sicherheitsmargen verschmälern, desto gefährlicher Leben wir.
Führt Doping folglich in letzter Konsequenz, ans Limit getrieben, über die Intensivstation in den Tod?
Ist Doping sozusagen Austrainieren bis zum Tod, Beispiele über
Todesfälle gibt es wahrlich genügend, wenngleich vergleichsweise wenige
publiziert werden.
Wäre dem wirklich so, dass die Leistungsgrenze in der Peripherie
durch die Muskeln bestimmt würde, dass ein saurer Muskel der Leistung
die Grenze setzt, würde dann ein austrainierter Muskel noch 20% zulegen
können?
Die Leistungsgrenze wird im Gehirn errechnet
Ein neues Modell - als Pacemaker-Modell bekannt - postuliert, dass
die Leistungsgrenze aus Interaktionen zwischen Regelkreisen im Gehirn
und allen Organen inclusive Muskeln in der Peripherie errechnet wird.
Es werden ständig Signale von den Organen und den Muskeln im zentralen Nervensystem
registriert und verarbeitet. Die zu einem gegebenen Zeitpunkt errechneten Werte werden mit vorgegebenen Werten verglichen, die nicht überschritten werden dürfen, damit Leben/Gesundheit nicht gefährdet sind. Entsprechend dem Ergebnis dieser Kalkulationen wird ständig nachjustiert. Es wird also immer und überall reguliert. Einige der bekanntesten Beispiele: Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz, Ausscheidung etc.
Wird die Differenz zwischen
Grenzwert und realem Wert bedrohlich gering, dann beginnt bei uns ein Gefühl
der Müdigkeit und Erschöpfung einzusetzen, aus Sicherheitsgründen, um
das Leben nicht zu gefährden. Werden diese Sicherheitsmargen durch
Dopinginterventionen einfach überrannt, dann werden die Pufferzonen
immer schmäler… die Spitzenleistung immer bedrohlicher für Gesundheit und Leben.
Klappt ein Athlet unter solchen Umständen zusammen, dann
wird er sich von einem solchen Zusammenbruch nicht so ohne weiteres
erholen.
Vielleicht sollte Doping ganz nüchtern einfach als lebensgefährlich eingestuft werden.
Doping - so könnte man sagen - puts you off limits.
*Gerschler stand als Trainer für Innovation. In Zusammenarbeit mit
dem Freiburger Professor Herbert Reindell, dem Nestor der deutschen
Sportmedizin, begründete er die sogenannte Intervallmethode. In diesem
Kontext entstand der Begriff «Freiburger Schule».
**Joseph "Josy" Barthel (geboren 1927, verstorben 1992 in Luxemburg) war
ein Luxemburger Leichtathlet und Olympiasieger. Seinen ersten großen
Erfolg als Sportler feierte er mit der Goldmedaille im 800-Meter-Lauf
bei den Militär-Weltmeisterschaften 1947 in Berlin. Bei den nächsten
Militär-Weltmeisterschaften in Brüssel gewann er den 800-Meter-Lauf und
den 1500-Meter-Lauf.



