Antikörper, Antigen, Fresszellen, Angreifer, Abwehr… sind das nicht immer noch die Begriffe, die die Immunologie dominieren?
Vor allem in den Publikumsmedien wird einem die Kriegsmaschinerie nur so um dier Ohren geworfen. Mindestens einmal im Jahr bringt z. B. das Magazin »Stern« eine Ausgabe zum Immunsystem heraus, das jedesmal mehr an einen Angriff von Außerirdischen erinnert, anstatt fundierte moderne wissenschaftliche Erkenntnisse aufzugreifen, die es natürlich gibt und die den »Kriegsschauplatz Immunsystem« auch längst verlassen haben.
Biestmilch und ihre Art zu wirken, hat nun rein gar nichts mit den Verhältnissen auf einem Kriegsschauplatz zu tun. Da geht es nicht um Abwehr, sondern um Modulation, um eine ganz andere Sicht des Immunsystems, nämlich die Sicht des Immunsystems als einem Regulationssystem. Und weil diese moderne Sicht des Immunsystems noch längst nicht dort angekommen ist, wo sie als »Tatsache« in unser Alltagswissen hindurch gesickert ist, deshalb ist es für viele von Ihnen so schwer zu verstehen, wie und warum Biestmilch funktioniert. Wenngleich es mich trotzdem immer wieder erstaunt, dass sich eine Substanz, die allen Säugetieren den Sprung ins Leben erleichtert, so schwer tut, von uns akzeptiert zu werden.
Zum Abschluss noch ein Zitat von dem Mediziner Ludwig Fleck, der bereits in seinem 1935 veröffentlichten Buch »Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache« eine ganz andere Immunologie skizziert, die auf der Interpretation von Experimenten beruht, die damals noch recht spärlich vorlagen, ihre Basis aber letztlich in der Entdeckung/Erfindung des »Antikörpers« durch Paul Ehrlich und der in der damaligen Zeit sich entwickelnden »Serologie« haben.
Ludwig Fleck zur Infektionskrankheit:
Dem Begriff der Infektionskrankheit liegen Vorstellungen vom Organismus als einer abgeschlossenen Einheit und vom eindringenden feindlichen Erreger zugrunde. Der Erreger produziere eine böse Wirkung (Angriff), der Organsimus antworte darauf mit einer Reaktion (Verteidigung). So entstehe ein Kampf, der das Wesen der Krankheit bilde. Solche primitive Kampfbilder durchtränken die ganze Immuntätswissenschaft. Diese alte Auffassung entstammt dem alten Mythos von Krankheitsdämonen, die den Menschen überfallen. Der Dämon wurde zum Erreger, es blieben der Kampf und die Überwindung, oder das Unterliegen der »Ursache« der Krankheit.
So lehrt man noch heute, schreibt Ludiwg Fleck, ich betone noch einmal, erschreibt dies 1935!
Er sagt weiter: Es gibt keinen einzigen experimentellen Beweis, der imstande wäre, einen Unvoreingenommenen zu solcher Auffassung zu zwingen.
Weiter unten schreibt Fleck: » …die Physiologie hat den Begriff der »harmonischen Lebenseinheit« geschaffen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Teile einander in ihrer Tätigkeit ergänzen, dass sie gegenseitig voneinander abhängen und durch ihre Zusammenwirken ein lebensfähiges Ganzes bilden.
Die moderne Immunologie benutzt heute mit großer Leidenschaft und beinahe schon inflationär den Begriff »crosstalk«. Er meint letztlich Ähnliches, wenn nicht Gleiches. Verabschiedet sich die Immunologie also langsam vom Immunsystem als Kriegsmaschinerie? Im Alltag ist davon noch nicht viel zu spüren. Jedenfalls wäre dies eine Voraussetzung, Biestmilch verstehen zu können.



