Bloggen! Zu vielen von noch uns ist dieser aus USA kommende Hype noch gar nicht durchgedrungen. Was ist denn das, fragen sie. Andere tun es als Modeerscheinung ab und meinen, dass in unserer Gesellschaft ohnehin schon zuviel geplappert werde, andere wiederum erkennen es als Werkzeug, um politisch aktiv werden zu können. Dies gilt vor allem für Länder mit sehr restriktiven Regierungen. Dazu gehört sicherlich Iran, wo freie Meinungsäußerung bis heute nur ein Traum ist, und die Mullahs die Medien fest im Griff haben. Verhaftungen von mutigen Menschen, die sich öffentlich kritisch äußern, sind dort nicht ungewöhnlich.
Die Begeisterung der Iraner für das Web 2.0 ist grenzenlos. Hier können sie sich über ihren Alltag und die politischen Verhältnisse in ihrem Land informieren und austauschen. Allein in Teheran gibt es rund 4000 Internet-Cafés und 6 bis 7 Millionen Internetbenutzer, die sich mehrere Stunden täglich Netz aufhalten. Unter ihnen sind viele regimekritische Journalisten und Verfasser von Online-Tagebücher (Weblogs). die sich internationaler Popularität erfreuen und für ihre professionelle, vielfältige und unzensierte Berichterstattung Auszeichungen erhalten haben.
Seit dem Siegeszug des Internets im Iran entwickelte sich eine eindrucksvolle, lebendige Blogger-Gemeinschaft, »WEBLOGISTAN«, wie sie sich selbst nennt. 70000 bis 100000 aktive Internet-Tagebücher soll es bereits geben.
Hamed Mottaghi erhielt vor kurzem für seine beiden Blogs »Kosoof« http://www.kosoof.com und »Tanine Sokut« den Reporter-ohne-Grenzen-Preis. In ihren Tagebücher berichten die Blogger über ihren Alltag, ihre Liebesbeziehungen, Zukunftsängste und die Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben ohne Zwang. Im Iran keine Selbstverständlichkeit wie bei uns, die wir uns im Überfluss der offentlichen Worte oft nach Schweigen und Stille sehen.
Der Regierung ist diese Bewegung, die sich schwer kontrollieren und eindämmen lässt, natürlich ein Dorn im Auge. Aber man glaubt es kaum, Präsident Ahmadinejad hält dagegen. Er ging vor kurzem mit seinem eigenen Weblog www.ahmadinejad.ir ins Netz.
Vielleicht sollten wir uns ja auch manchmal mutiger zeigen und uns mehr einmischen. Bloggen wäre eine Möglichkeit. Man kann sich dabei sehr wohl die politisch aktive amerikanische Bloggerszene als Beispiel nehmen!
Quelle: Neue Züricher Zeitung, 24. November 2006



